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„Es passiert gerade etwas in unserem Leben“ Milliarden im Interview

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Seitdem wir sie das erste Mal LIVE gesehen haben, war es um uns geschehen. Dieses erstes Mal war sehr flüchtig, aber dafür intensiv. Wir standen die meiste Zeit an der Bar und sie standen auf der Bühne und sprangen minütlich ins Publikum. Wir haben selten eine Band gesehen, die das Publikum so mitgerissen hat. Das war unsere erste MILLIARDEN Erfahrung. Ich weiß noch, wie wir uns angeschaut haben und meinten, das wird nicht das Letzte sein, was wir von den Berliner Jungs gehört haben. Es folgten diverse Singles und wir haben jede einzelne Single, jede einzelne Textzeile gefeiert, als gäbe es nie eine LP. Doch jetzt ist es tatsächlich soweit, Ben und Johannes haben es geschafft. Am Freitag erscheint mit BETRÜGER das Debütalbum von Milliarden. Wir durften schon mal reinhören und haben den Jungs noch einige Fragen dazu gestellt:

We Love That Sound: Wir haben euch kurz vor Weihnachten im Bi Nuu gesehen und dachten uns ENDLICH, endlich macht jemand deutschsprachige Musik nach unserem Geschmack. Wie habt ihr das geschafft deutsch zu singen und trotzdem diese Coolness zu behalten?

Milliarden: Es ist doch immer eine Frage der Einstellung, nie der Sprache, die man spricht. Coolness und Gelassenheit kommen aus dem Selbstverständnis, wie man Dinge tut, glauben wir. Wenn wir also so wirken, dann nur aus dem einzigen Grund, dass wir uns nicht die Frage stellen, ob wir gerade hier richtig sind. Wir machen es einfach!

W: Und warum klingt ihr LIVE noch besser als auf Platte? Liegt es am Publikum, was euch zur Höchstleistung anstachelt?

M: Das ist ein wirkliches Kompliment! Danke. Denn wir finden, eine Band ist nur Live wirklich zu beurteilen. Wir legen unsere Kraft und unser Selbstverständnis von Beginn an in unsere Shows. Darauf kommt es uns an. Nichts geht über die Energie und den Dreck, der entsteht, wenn die Verstärker angehen und Fini auf die Trommeln haut!

W: Vor 3 Jahren wart ihr der Geheimtipp in Berlin. Nach dutzenden Festivalauftritten und Fernsehauftritten wird sich das jetzt ändern. Gut oder schlecht?

M: Egal ob geheim oder nicht. Wenn die Mundpropagandamaschine angeht, ist das nur gut! Wir spielen nach wie vor alles! Kleine Clubs, große Festivalbühnen und Straße.

W: Euer Album ist für uns wie eine Zeitreise in die späten Westberliner 80er. Der Sound ist ein gelungener Spagat zwischen NEU und ALT. War das gewollt? Oder bilden wir uns das nur ein?

M: Gewollt war ein roher klang zwischen ranzigen Gitarren und polterndem Schlagzeug. Dazu mischt sich die Taste
und das Spezielle, was man vielleicht eine gute Melodie nennen kann. Da gibt es auch Referenzen in den Achtzigern, die diese Soundmerkmale aufweisen, klar. Aber Ziel war es nie, da wir von Beginn an nie wussten, was am Ende heraus kommen wird.

W: Woher kommt der Faible für diese Zeit? Was oder wer hat euch inspiriert?

M: Es gibt keinen ernsthaft gemeinten Faible für eine Zeit, eher für die Brutalität und Spitzheit, die Menschen in ihrer Kunst ausleben. Von daher könnte man sagen, dass uns an den Achtzigern in Westberlin der Spagat zwischen Ideal, Lou Reed, Kippenberger und den Einstürzenden Neubauten interessiert.

Das gute ist, ich rieche die Stadt und meine Identität heute immer noch jedes mal, wenn ich nach Hause komme.

W: Was sind eure liebsten Erinnerungen an die 80er/ 90er?

M: Ich erinnere mich nur bruchstückhaft. Ich denke da mehr an Gerüche und Farben aus meiner Kindheit in den Neunzigern in Ostberlin. Ich verbinde die Zeit mit meiner Mutter. Die gibts aber nicht mehr. Das gute ist, ich rieche die Stadt und meine Identität heute immer noch jedes mal, wenn ich nach Hause komme.

W: Was hört ihr im Moment? Eher alte Sachen oder auch aktuelle Sachen? Könnt ihr was mit MC Bomber oder Karate Andi anfangen?

M: Alles rast durch mich durch. Altes und Neues sind nicht mehr von einander zu trennen. Ich höre in Bomber einige alte Fragmente von Hip-Hop und Berlin. Das mag ich. In 104 ist auch mein Neffe aufgewachsen, der ist im selben Alter wie der kleine Ajatollah. Ich muss ernsthaft lachen, wenn ich das höre und weiss eben auch, dass der Typ Kunst in Weissensee studiert. Einige Tracks sind krass scheisse, aber Held der Arbeit ist ein Spitzenlied und alleine dafür und das Video sollte man immer mal reinhören, was aus der Ecke kommt. Karate Andi konnte mal ganz geil freestylen, hab ich gehört. Aber eigentlich scheiss egal. Soviel dazu. Grade liegt in meinem Plattenspieler ‚One foot in the grave‘ von Beck.

W: Wohin geht die Reise jetzt mit euch? Euer Album wird in den nächsten Wochen überall omnipräsent sein. Habt ihr euch darauf vorbereitet, dass euch jetzt alle abfeiern werden?

M: Wir glauben an unsere Lieder, auch wenn keiner das tut oder plötzlich alle. Und wenn Berlin einen Vorteil hat, dann die Anonymität, die man hier genießt. So oder so, ist die Masse unser Rückzugsort. Das Adrenalin ist jedenfalls gerade unglaublich hoch. Auch wenn mal die Angst hoch schwappt, wir genießen das irgendwie. Es passiert gerade etwas in unserem Leben und wir tragen dafür die Verantwortung. Das ist ein gutes Gefühl.

W: Wir bedanken uns jedenfalls bei euch für ein großartiges Jahr, denn ihr habt uns den Soundtrack dafür geliefert.

M: Wir danken zurück. Irgendwie sind wir ja Komplizen, die sich auf unterschiedlichen Seiten mit der selben Sache beschäftigen. MUCKE!

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